Sicherheit um jeden Preis ?

Artikel der Zeitschrift "Primary and Hospital Care" können nun direkt dort diskutiert werden.

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C.Huettenrauch
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Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von C.Huettenrauch » Mo 4. Jan 2016, 19:58

Die Berner Zeitung berichtet aktuell aus Zollikofen:
"Der Allgemeinmediziner Michael Deppeler wurde wegen eines vermeintlich fehlerhaften Totenscheins angeklagt.
Ein Kreuz auf einem Totenschein rückte Hausarzt Michael Deppeler ins Visier der Berner Staatsanwaltschaft. Statt auf dem Formular «natürlicher Todesfall» anzukreuzen, hätte er am Morgen des 2. Oktober 2013 ein Kreuz neben «unklarer Todesfall» machen sollen.
Weil er dies aber nicht getan hat, warf ihm die Justiz vor, er habe ein «falsches ärztliches Zeugnis» ausgestellt und damit eine Untersuchung des Todes des damals über 90-jährigen Mannes verhindert. Trotz Freispruch sagt er: «Das Handeln vieler Ärzte wird durch die Angst vor juristischen Konsequenzen be­einflusst.»
Für Deppeler zeigt sein Fall beispielhaft, in welchem Spannungsfeld sich Hausärzte zunehmend bewegen: «Bei der Sprechstunde sind neben dem Arzt und dem Patienten auch immer unsichtbare Dritte dabei: die Versicherung, der Anwalt, ein Arbeitgeber oder die Angehörigen des Patienten.» Der dadurch entstehende Druck sei in den letzten Jahren gewachsen und beeinflusse die Entscheidungen der Ärzte zunehmend, ist Deppeler überzeugt.
Dies führe letztlich dazu, dass kaum jemand mehr bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Es stelle sich jeweils die Frage, ob zum Ausschluss einer gefährlichen Erkrankung besser noch eine zusätzliche Untersuchung durchgeführt werden soll oder bereits genügend Abklärungen vorgenommen wurden. «Aus Angst vor juristischen Konsequenzen wird der Patient im Zweifelsfall zu häufig zu Spezialisten zur weiteren Untersuchung geschickt», sagt Deppeler. Diese Tendenz zur «Sicherheit um jeden Preis» sei einer der Hauptgründe für das immer teurer werdende Gesundheitswesen, ist der Arzt überzeugt." ...
Quelle: http://www.bernerzeitung.ch/region/bern ... y/30794148
MfG, CH

ZHmed
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Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von ZHmed » Mi 6. Jan 2016, 22:17

Offenbar kam es aber zum Freispruch.
Dass die Staatsanwaltschaft die Sache untersucht hat, finde ich per se nicht falsch (aber natürlich sehr unangenehm für Kollegen Deppeler). Die Staatsanwaltschaft muss halt auch mal im Zweifel eine Untersuchung einleiten bzw. ein Verfahren beginnen, wenn V.a. eine strafbare Handlung besteht. Am Schluss zählt das Gerichtsurteil - und das war offenbar zugunsten von Herrn Deppeler.

Urs Enggist
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Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von Urs Enggist » Di 12. Jan 2016, 08:42

Ich kenne das von mir: Vor rund 25 Jahren habe ich einen alten (85) Jährigen, mir zwar bekannten Patienten, aber nicht aus unserer damaligen Gruppenpraxis zusammen mit dem Gemeindekanzlist und dem Gemeindearbeiter tot in seinem Haus aufgefunden. Alle, also auch der Gemeindeschreiber wusste = Herzpatient. Darum Herzstillstand und natürlicher Tod angekreuzt...und prompt einen Verweis vom Bezirksvorstand bei der Aktenkontrolle der Todesfälle (rund 1 Jahr nach dem Tod des Patienten) bekommen:
Konsequenz für mich: alle Todesfälle (= Patienten, die ich nicht kenne und bei denen ich keinen Spital/Arztbereicht vorfinde) werden von mir an die Polizei gemeldet...die entscheiden dann, ob sie kommen/den Bezirksarzt aufbieten oder nicht!

Ja man macht so seine "Hausarzt-Erfahrungen" und schüttelt den Kopf!

Im Altersheim ein "unbeaufsichtigter Tod eines nicht Praxis-Patienten" = auf der Nachtrunde tod aufgefunden ist auch so ein Hit....hier unterschreibe ich, aber oft nolens...volens...wie handaptiert dies??

loco

Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von loco » Fr 12. Feb 2016, 15:31

Das blieb mir bis dato zum Glück noch erspart...

dhoehener
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Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von dhoehener » Do 24. Mär 2016, 11:39

Wir haben diese Diskussion im Spital auch manchmal. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass beim kleinsten Zweifel ein AGT ausgelöst werden soll oder mindestens der Bezirksarzt telefonisch angefragt werden soll. Es sagt uns niemand danke dafür dass wir diese Verantwortung/Entscheidung übernehmen und hinterher kommt ein zwanghaft veranlagter Staatsanwalt und macht uns die Hölle heiss. AGT heisst ja meist einfach die Leute kommen vorbei, schauen sich das an, machen ein paar Notizen und es ist erledigt...

Urs Enggist
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Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von Urs Enggist » Mi 30. Mär 2016, 07:47

Das natürliche "alleinige Alterssterben" ist defintiv vorbei...wenn nicht die Ehefrau (Ehemann), die Kinder dabei waren.....immer eine Meldung an Polizei...die sollen dann entscheiden, ob der Bezirksarzt (im Aargau Gerichtsmedizin) vorbeikommen soll...Koste es, was es wolle/solle!

Martin Bösch
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Re: Sicherheit um jeden Preis ?

Beitrag von Martin Bösch » Fr 29. Apr 2016, 09:47

Das steht nun genau bei uns im Raum.

Ich benutze auch die altmodische Definition des Aussergewöhnlichen Todesfalls (AgT), dass ein Todesfalls eines Patienten, der nicht von mir betreut war und mit dessen Ableben ich nicht aufgrund einer zum Tode führenden Erkrankung gerechnet habe, als aussergewöhnlich gilt.
Ich wurde von unserem im Auftrag des Kantons tätigen Juristen eines anderen belehrt. Es gibt wohl noch eine zweite Definition des AgT durch die Staatsanwaltschaft, die in der Strafprozessordnung offenbar erwähnt wird, er meinte, mein Wissen sei sicher veraltet...
Legalinspektion: Bestehen bei einem Todesfall Anzeichen für einen unnatürlichen Tod, insbesondere für eine Straftat, oder ist die Identität des Leichnams unbekannt, so ordnet die Staatsanwaltschaft zur Klärung der Todesart oder zur Identifizierung des Leichnams eine Legalinspektion durch eine sachverständige Ärztin oder einen sachverständigen Arzt an (Art. 253 Schweizerische Strafprozessordnung [StPO; SR 312.0]).


Nun stehen wir im Kanton Schaffhausen vor der unangenehmen Situation der Neuregelung der Aufgaben, den bisher die Amtsärzte übernommen haben. Es zeigte sich unmöglich, zu den bisherigen Konditionen und Honorierung Kollegen und Kolleginnen zu finden, welche die Position eines Amtsarztes zu übernehmen bereit wären. Angedacht ist nun die zwangsweise Übertragung der Aufgaben an den (haus-)ärztlichen Notfalldienst.

Und denau dieser Fall im Primary Care geschilderte Fall war es, welcher mich daran zweifeln lässt, dass ich nicht nur gutmütig einen wahrscheinlich natürlichen Todesfall (und zwar nach Definition der Staatsanwaltschaft) mit einem Kreuz attestiere (Pat. wohl eines natürlichen Todes gestorben, aber nicht von mir vorbetreut, da in einem auswärtigen Altersheim...) und die Staatsanwaltschaft dann plötzlich die mir wohlbekannte Definition hervornimmt und mir ein Einschreiben schickt, da es zu Unregelmässigkeiten gekommen war.

Unser Kantonsarzt erinnert sich zum Glück nur noch vage an die Zeiten, zu denen er die Kollegen ermahnte, welche im Notfalldienst bei einem Todesfall einen natürlichen Tod bescheinigt und nicht - wie vorgesehen - Polizei und Amtsarzt informiert hatten.

Es gehen nur wenig Jahre ins Land, und plötzlich haben wir eine unerwartete von kantonaler Seite her dekretierte Kompetenzenausweitung. Im Gegensatz dazu werden uns ebenso unerwartet auf dem Weg von Tarifdiskussionen Kompetenzen im ophthalmologischen Bereich abgesprochen...
Oder wir werden von Amtes wegen zur FU von polizeilich vorgeführten Pat. im Ausnahmezustand zwangsverpflichtet und gleichzeitig zweifelt eine andere kantonale Stelle an unseren Kompetenzen, wenn ich als Hausarzt auf einem IV-Formular die Arbeitsfähigkeit eines psychiatrisch angeschlagenen Patienten beurteile...

Lieber Gruss Martin

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