PrimaryCare 2007;7: Nr. 51-52

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gweirich
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PrimaryCare 2007;7: Nr. 51-52

Beitrag von gweirich » Do 3. Jan 2008, 09:55

Wie Heinz Bhend richtig schreibt, werden Dokumente zukünftig in zunehmendem Mass digital ausgetauscht werden, und es ist unsinnig, dass die Player im Gesundheitswesen sich dieser Herausforderung nicht stellen. Einige Punkte finde ich aber doch erwähnenswert:

Die gesicherte Kommunikation via ASAS ist zwar ein gangbarer Weg, aber sie hat mehrere Nachteile: ASAS ist (relativ) teuer, die ganze Praxis muss das Passwort des Inhabers kennen, damit es sinnvoll eingesetzt werden kann (was sicherheitstheoretisch unsinnig ist), es ist proprietär (basiert auf geheimgehaltenen Algorithmen) und ist nur für Windows und Mac verfügbar. Und bereits auf Windows Vista lässt es sich nicht mehr ohne Verrenkungen installieren. Dazu kommt, das ASAS eine Insellösung ist: Es existiert nur in der Schweiz. Sobald wir Dokumente mit ausländischen Kollegen oder Institutionen austauschen wollen - und dieses Bedürfnis wird mit Sicherheit auftauchen - sind wir als ASAS-Insel aufgeschmissen.

Es ist ja nicht so, dass ASAS die gesicherte Kommunikation erfunden hätte. Im Prinzip basiert das Ganze auf allgemein gebräuchlichen Konzepten (asymmetrische Verschlüsselung und public key infrastructure). Jedes aktuelle E-Mail-Programm ist zur Verschlüsselung nach S/Mime fähig, das im Prinzip dasselbe Konzept nutzt, aber national und international weit verbreitet ist.

Deswegen würde es meiner Ansicht nach genügen, ASAS für CUG-Zwecke einzusetzen, für gesicherte Mail-Kommuikation aber lieber auf S/Mime zu setzen. (Mit der Health Professional Card werden wir ja alle (ob wir wollen oder nicht) einen digitalen Schlüssel bekommen, mit dem wir gesicherte Mails mit jedem Mailprogamm und ohne ASAS-Tunnel schreiben können.)

Ein weiterer Punkt: Die digitale Verbreitung von Dokumenten beinhaltet auch eine ganz generelle Gefahr: Übermässiges Trashing. Mail kostet nichts und lässt sich weitgehend autmatisch erstellen. Es besteht (wie man in anderen Bereichen sieht!) die Gefahr, dass immer zahlreichere Berichte aus automatischen Bausteinen generiert, nicht gross kontrolliert, sofort per Mail weitergeleitet und am Ziel ebenso automatisch verarbeitet werden, ohne dass irgendjemand den Inhalt überhaupt kritisch zur Kenntnis nimmt. Und weil es so einfach ist, wird die Zahl der kursierenden Schreiben zunehmen. Wenn Sie dann am Morgen beim Einschalten des PC's die Meldung bekommen "68 Berichte eingelesen", dann werden Sie auch als sorgfältiger Arzt diese nicht jeden Tag alle einzeln gebührend studieren können. Damit würde die Digitalisierung dann zur Qualitätsverschlechterung führen.

(Im Gegensatz dazu: Das bewusste Aussuchen derjenigen Schreiben bzw. Passagen aus Schreiben, welche die MPA manuell in die KG befördern soll, kostet zwar mehr Zeit und "MPA-Power", garantiert aber, dass in der KG dann wirklich nur relevante und sinnvoll beschriftete Daten landen)

Man muss m.E. nicht auf jeden digitalen Zug aufspringen, bloss weil er gerade da steht, sondern man sollte sorgfältig diskutieren, was man überhaupt will, und dann erst, mit welchen Mitteln man es umsetzen will.
Im Moment läuft es aber umgekehrt: Seitens der Basis besteht kaum Interesse an einer Diskussion (Ausgenommen ein paar Freaks wie Sgam.informatics und die Leute vom Forum-Hausarztmedizin), seitens des BAG besteht kein Interesse an einer Diskussion (dort entwickelt man lieber fertige Lösungen, die man erstmal per Dekret durchpeitscht und erst später überlegt, was für Probleme man mit diesen Lösungen überhaupt lösen will), und seitens der FMH besteht auch kein Interesse an einer Diskussion, auch dort will man erstmal Antworten generieren und sich die dazugehörigen Fragen später überlegen. Von einer Diskussion aller Player miteinander, ist auf keiner Seite die Rede.

Schilling Gerhard
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Beitrag von Schilling Gerhard » Do 3. Jan 2008, 11:17

Gerry Weirich zeigt wunderschön, wie komplex die EDV-Geschichte ist!

Keine Frage: das digitale Zeitalter ist phänomenal, eine zu nutzende Chance, erleichtert vieles, aber: der Teufel steckt im Detail! Entscheidend ist die verantwortungsvolle und sinnvolle Anwendung der phantastischen Möglichkeiten!

Nur, wie soll ich als digitaler "Otto-Normalverbraucher" da den Durchblick bewahren und die kritischen Punkte erkennen? Wir sind daher auf engagierte Kollegen will Gerry Weirich, Heinz Bhend ua. angewiesen, die für uns dann einigermassen erprobte und pfannenfertige Lösungen erstellen.

Ein Problem scheint mir auch, dass jeder Player auf diesem Gebiet für sich selber wurstelt. In meinen Augen braucht es dringend einen "runden Tisch" mit Beteiligung aller wesentlichen Akteure. Wer ergreift die Initiative?

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