Grosspraxen / Ärztehäuser als Zukunftsperspektive?

Artikel der Zeitschrift "Primary and Hospital Care" können nun direkt dort diskutiert werden.

Moderator: markus.gnaedinger

Gesperrt
markus.gnaedinger
Beiträge: 1402
Registriert: Mo 10. Jan 2005, 09:18
Wohnort: Steinach

Grosspraxen / Ärztehäuser als Zukunftsperspektive?

Beitrag von markus.gnaedinger » Fr 24. Okt 2008, 12:04

In seiner Standortbestimmung zur Situation der Hausarztmedizin in der Schweiz ruft Bruno Kissling dazu auf, dass sich ÄrztInnen in grösseren Praxen zusammenschliessen, um die Kosten gering zu halten, Teilzeitarbeit zu ermöglichen und zur Zeit der Pension überhaupt noch einen Nachfolger finden zu können: http://www.primary-care.ch/pdf_d/2008/2008-17/2008-17-306.PDF. Welche Erfahrungen dazu gibt es bei denjenigen KollegInnen, die in ein Ärztehaus eingestiegen sind?

In seinem Editorial in der aktuellen SÄZ http://www.saez.ch/pdf_d/2008/2008-43/2008-43-1074.PDF und im nachfolgenden Übersichtsartikel (mit Koautorin de Geest) http://www.saez.ch/pdf_d/2008/2008-43/2008-43-1006.PDF ruft FMH-Vorstandsmitglied Max Giger zur Bildung von fach- und berufsübergreifenden Versorgungsnetzwerken auf, wie sie in solchen Ärztehäusern natürlich einfacher angeboten werden können, als in Einzelpraxen.

fmarty
Beiträge: 122
Registriert: Do 27. Mai 2004, 00:49

There's no free lunch!

Beitrag von fmarty » Sa 25. Okt 2008, 08:25

Ich denke es ist wichtig und wertvoll für die neuen Praxisformen Foren und Diskussionen zu lancieren. Es spart enorm Aufwand und Herzblut, wenn man die Erfahrungen anderer in eigene Projekte mitnehmen kann. Und die typisch hausärztliche Haltung ist ja das Einzelkämpfertum - nicht ideale Voraussetzungen, um sich bei Bedarf eben diese Erfahrungen zu holen.

Grosspraxen / Ärztehäuser als Zukunftsperspektive?

"Die Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell...". Das war und ist in der Politik her sehr en vogue - aber doch vage und hohl. Es appelliert in meinem Ohren v.a. an 'Rationalisierungpotential' und nährt die politischen Aktivitäten 'schön reden und dabei den Hausarzt aushungern'.

Gruppenpraxen oder Grosspraxen das Wahre? Der eigentliche Rettungsanker eines Berufstandes??
Aus meiner Sicht zuallererst eine Diversifikation im Angebot der Arbeitsmodelle für Hausärzte. Und eine solche ist ohne Zweifel dringend notwendig und vielen zukünftigen Hausärzten sehr willkommen. Denn bis anhin gab es in der Schweiz im wesentlichen für Hausärzte nur Monokultur oder ein Arbeitsmodell Hausarztmedizin, nämlich die Einzelpraxis.
Diese sehe ich allerdings nicht als Auslaufmodell, in vielen Gebieten ist sie die einzig mögliche Versorgungseinheit und für viele Ärzte die gewünschte Arbeitsform. Denn die Auswahl der Arbeitsform hängt ja stark von der Persönlichkeit ab und wie im Sport gibt es Typen die lieber Einzelsport machen und solche welche Mannschaftstport bevorzugen: in der Einzelpraxis spielt man Schach, in einer Grosspraxis ist man Mitglied einer Fussballmannschaft.

Was ein Engagement der öffentlichen Hand angeht sehe ich zwei Ebenen:

1) Als Diskusison enorm wichtig. Behörden und Politik blenden ja völlig aus, dass in der ambulanten Medizin die gesamte Infrastruktur und Betrieb privat finanziert wird, im Gegensatz zur stationären Medizin. Die Tarifsituation heute ist so, dass ohne SD diese Infrastruktur nicht mehr finanziert werden kann. Nur haben das die Politiker noch nicht gemerkt. Daher ist die Botschaft richtig und wichtig, dass alles was man bei den Tarifen wegnimmt von jemand anderem für die Finanzierung der Infrastruktur wieder eingebracht werden muss.

2) Konkret bin ich skeptisch, in der heutigen Situation.
There is no free lunch. Eine Finanzierung der Immobilie kann in Einzelpraxen sehr hilfreich sein. Die Bündner Wartgeldpraxen waren ein solches Modell, wo sich Gemeinden, Kanton und Bund engagierten (das Modell wurde Ende der 90-er Jahre offiziell begraben). In grösseren Einheiten ist man deutlich weniger exponiert oder je nach Betriebsform gar nicht.
In grossen Einheiten schlagen die Kosten Infrastruktur Bau / Ausbau mit unter 10% des Umsatzes zu Buche, allfälliger Leerstand verteilt sich auf viele Köpfe.
Vignette: In einer Grosspraxis mit 10 Köpfen und Infrastukturkosten Bau/Ausbau von 10% steigt einer aus und findet keinen Nachfolger. Die Kollegen sind in einer AG organisiert und übernehmen den Teilhaber-Anteil des Aussteigers. Zahlenbeispiel: Zu Zehnt machten sie einen Umsatz von 1 Mio und hatten jährlichen Finanzbedarf für Infrastukturkosten Bau/Ausbau von 100'000 Fr (10%). Der Kollege, welcher aussteigt war dummerweise der gutverdienende Spezialist - die verbleibenden 9 Nasen müssen neu mit 600'000 Umsatz die 100'000 Fr bezahlen.
Für die AG stieg in der Betriebsrechnung der Kostenanteil Bau/Ausbau von 10% auf neu 16%. Natürlich eine nicht erfreuliche Sache, aber die Mannschaft spielt weiter....

Als grössere Einheit und richtig organisiert wird man sehr robust.

Felix Niedermann
Beiträge: 16
Registriert: Di 18. Sep 2007, 15:58

Jedem seinen eigenen Stil! Flexibilität ist alles!

Beitrag von Felix Niedermann » Fr 31. Okt 2008, 09:32

Ich stimme den obigen Ausführungen weitgehend zu. Das Abwägen zwischen Einzelpraxis und Gemeinschaftspraxis beinhaltet neben Wirtschaftlichkeitsüberlegungen sehr viele weitere Aspekte.

Unter diesen ist die Pflege eines eigenen Stils ein sehr gewichtiges Argument. Die Qualität der ärztlichen Arbeit ist sehr stark davon abhängig, inwieweit es mir gelingt, die Patienten persönlich anzusprechen, um ein gutes Vertrauen aufbauen zu können. Dies kann nur gelingen, wenn ich bei der Sprechstunde, beim Umgang mit den Patientinnen und Patienten und im Praxisteam meinen eigenen Vorlieben und Bedürfnissen Raum geben kann. Dies kann zugegebenermassen oft auch in einem harmonische abgestimmten Team gut funktionieren.

Leider sind aber auch Aerzte nur Menschen, und eine gute Zusammenarbeit kann nicht hergezaubert, sondern muss erarbeitet und immer wieder neu abgestimmt werden - wenn nun ganz verschiedene Persönlichkeiten aufeinandertreffen, wie sie nun gerade unter Aerzten eben nicht selten anzutreffen sind kann dies manchmal ganz schön schwierig werden.

Für viele Aerzte wird von vornherein eine Einzelpraxis die bessere Lösung sein. Wenn es im Team einmal kriseln sollte, dann sind Ausweichlösungen unabdingbar, und müssen - wie eben die Eröffnung einer Einzelpraxis - möglich bleiben.

Ob nun Teilinhaber von Gruppenpraxen einfacher einen Nachfolger finden, als Einzelpraxen, möchte ich nun definitiv bestreiten. Es tönt attraktiv, in einer Gruppenpraxis einsteigen zu können, dies kann gerade aus den oben beschriebenen Gründen auch recht schwierig sein, der Goodwill kann stark herabgemindert werden, wenn Patienten nach der Praxisübergabe einfach zu den bereits etablierten Praxisteilhabern wechseln, anstatt zum neu eintretenden.

Die Diskussion um die Gruppenpraxen muss somit mit Vorsicht geführt werden. Letztlich wird es klar, dass eine freie Berufsausübung unteilbar mit der freien Wahl der Organisationsform verbunden ist!

Gruss

Felix

Urs Enggist
Beiträge: 673
Registriert: So 26. Jun 2005, 20:00
Wohnort: Auenstein

weitere Alternative....

Beitrag von Urs Enggist » Fr 31. Okt 2008, 10:45

Ich habe im Sept. den Verbänden und Kollegen folgende Email gesandt...im BAG ist vielleicht schon mehr in dieser Richtung verankert, als dass uns Grundversorger/Hausärzte lieb ist ??? Nun meine Email:

Leider ist der "Dato-Hausarzt" wirklich am Sterben...mit oder ohne universitäre Einbindung!

Heute ist es gerade eine Woche vom SGAM Kongress her...der Gesundheitsdirektor Zürich hat es offenkundig mitgeteilt...es gibt keinen Hausarzt-Mangel in Zukunft.....

Gruppenpraxis-Idee und -Organisation ist schon "alter Zopf"

Meine zündende Idee! Oder ist im BAG, in den GD der Kantone alles schon so vorbereitet ??

...ein Euro-Master-Village-Doc umgeben von 4-5 Euro-Master-Village-Nurses oder MPA's (seit 1.8.2008 machen die ja alle auch eine Berufsmatur zum späteren Studieren)

... und alles in einem normierten Euro-Master-Medical-Cabinet.....

Wer von Euch älteren Kollegen verkauft seine "Altersvorsorge-Praxis" nicht sehr gerne, wenn auch massiv unter den Immobilien-Preisen, diesen 5 jungen doktorierten Krankenschwestern/MPA's und 1 smarten Euro-Doc-Koordinator.....die Banken müssen nur noch mitspielen....sonst spielt Ihr Haus-Praxis-Herren dann die Bank!

Rapp
Beiträge: 16
Registriert: Sa 23. Sep 2006, 16:22
Wohnort: Zürich
Kontaktdaten:

MegaPraxen

Beitrag von Rapp » Fr 31. Okt 2008, 20:52

Bruno Kissling hat in seinem Artikel sicher auf mehr Power für die Hausärzte
gezielt.
Nur: Wir sind eben erst dran, uns von Einzelpraxen zu Gruppenpraxen zu fusionieren; jetzt tönen Megasparpraxen bereits wie
Schalmeien in den Ohren der Oekonomen und Politiker.
Und bald: Gruppenpraxen sind Auslaufmodelle.....
Wichtig ist auch, dass wir unsere MPA's weiter ausbilden, damit sie den
neuen Anforderungen gewachsen sind, statt dass wir zusätzliches Fach-
personal für Verbände, Hausbesuche, Praxis-Management und anderes brauchen.

Lüscher
Site Admin
Beiträge: 455
Registriert: So 6. Mär 2005, 20:59

Beitrag von Lüscher » Sa 1. Nov 2008, 12:48

Ich pflichte Felix bei. Für die gefühlte Qualität ist ein entscheidender Einflussfaktor, ob der Hausarzt/die Hausärztin in einem Rahmen arbeitet, in dem es ihr/ihm wohl ist, Haltungen und Arbeitsphilosophie gelebt werden können.

Nur wird das den Oekonomen und PolitikerInnen suspekt vorkommen. Es darf doch nicht sein, dass man zufrieden, ja glücklich seiner Arbeit nachgeht! Es braucht doch Rahmenbedingungen, die einengen, Kontrollen, Qualitätssicherung, Ratings, alles im Namen der Transparenz. Wo kämen wir hin, wenn jeder das macht, wozu er Lust hat, wozu sie sich berufen fühlt! Das ist ein Luxus, den wir bestenfalls einigen steinreichen Privatiers zugestehen, aber sicher nicht dem staatlich hoch regulierten Aerztestand. Die wollen wir stöhnen und jammern hören, dann ist es gut und wirtschaftlich!

Dies wird dazu führen, dass es ökonomisch gesehen immer schwieriger wird, als Einzelkämpfer mit einem Kleinstbetrieb zu bestehen und wirtschaftlich zu überleben. An eine Teilzeittätigkeit ist schon gar nicht zu denken. Das Labor darf erklärtermassen nicht rentieren, und die Investition für ein digitales Röntgen à Fr. 150'000 kann man nicht vernünftig amortisieren. Der Einzelkämpfer wird also auf einiges verzichten müssen, wozu er eigentlich ausgebildet und fähig wäre, schlicht weil er sich das nicht leisten kann (bzw. nicht seine Altersvorsorge vernachlässigen soll zu Gunsten einer vielseitigeren Tätigkeit).

Die von SGAM und Teddy so geschmähten Nurse Practitioners (MP) finde ich übrigens, ergänzend zu unseren MPAs, gar nicht so schlecht. Wenn ich in einer Gruppenpraxis keinen Nachfolger für eine ausscheidende Kollegin finde, kann bei entsprechender Arbeitsaufteilung und enger Zusammenarbeit mit einer internen MP eine sehr vernünftige Medizin praktiziert werden.

Lüthi
Beiträge: 380
Registriert: Mo 25. Apr 2005, 10:12
Wohnort: Brienz

Beitrag von Lüthi » Sa 1. Nov 2008, 17:43

Tatsache bleibt, dass viele von uns - so der Schreibende - sich einen Übergang zu einer Gruppenpraxis einfach nicht leisten können, weil ein grosser Teil der Investitionen in der vielgeschmähten einzelpraxis steckt und nicht einfach herausgelöst und in eine neue Organisationsform überführt werden kann und eine Neufinanzierung ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Zudem wird es immer Gegenden und Situationen geben, wo Einzelpraxen die einzige gangbare Lösung darstellen.

Solange aber niemand Interesse bekundet, die Situation auch und gerade für die Einzelpraxis wieder erträglich zu gestalten, sondern lieber über alle möglichen Zukunftsmodelle philosophiert bis schwadroniert wird, gehr uns langsam die Luft aus und eine Praxis um die andere verschwindet.

Nurse practitioners sind im übrigen gut und recht, unklar ist mir allerdings auf dem Hintergrund des sich ebenfalls abzeichnenden oder bereits manifesten Mangels an Pflegepersonal aller Stufen (siehe Tagespresse), woher denn diese Leute rekrutiert werden sollten bzw. wenn dies noch möglich sein sollte ob man sich damit wirklich einen Gefallen tut. (Daneben: warum wollen Leute die unbedingt Funktionen in der Grundversorgung übernehmen möchten (gilt auch für Apotheker) eigentlich nicht wirklich Grundversorger werden sondern nur allenfalls so ein bisschen? Hat das vielleicht etwas mit "Rosinenpickerei" zu tun?)

Lüscher
Site Admin
Beiträge: 455
Registriert: So 6. Mär 2005, 20:59

Beitrag von Lüscher » So 2. Nov 2008, 19:44

Das würde bedeuten, dass die KollegInnen in Einzelpraxen konkrete Vorschläge machen, wie ihnen geholfen werden kann. Wollen sie Subventionen beanspruchen? Oder sollen periphere Praxen entgeltliche Leistungsaufträge des Staates erhalten? Oder soll die Finanzierung mit einem Solidaritätsfonds der Aerzteschaft gelöst werden? Oder wollen sie einen eigenen Tarif?

Auch die Einzelpraktiker müssen sagen, was sie eigentlich wollen - Kaspar Lüthi hat zwar recht mit dem Stichwort "schwadronieren", aber es trifft die Einzelkämpfer genau so wie die Groupies!

Lüthi
Beiträge: 380
Registriert: Mo 25. Apr 2005, 10:12
Wohnort: Brienz

Beitrag von Lüthi » Mo 3. Nov 2008, 06:45

Wie wäre es fürs Erste mit der Einlösung des seinerzeitigen Versprechens, mit dem Tarmed einen betriebswirtschaftlich gerechneten Tarif einführen zu wollen; über eine fällige Teuerungsanpassung sollte eigentlich gar nicht diskutiert werden müssen.
Zum Zweiten müsste die Öffentlichkeit bereit sein, diejenigen Leistungen die als "service public" zu ihren Gunsten erbracht werden und die nicht vom Tarmed abgedeckt werden (beispielsweise Pikettdienstleistungen), abzugelten.
Drittens wären neben mir sicher auch weitere Einzelkämpfer froh, wenn mindestens für einige Jahre Aussicht bestünde auf eine gewisse Stabilität und Sicherheit vor immer neuen Einschränkungen und Einbussen (siehe Labortarifdiskussion etc.)

Die Liste könnte erweitert werden, ich denke allerdings, dass bereits diese drei Dinge auf hunderte von Einwänden stossen werden, weshalb - einmal mehr ("leider, leider") - gerade das nicht geht und man lieber weiter "neue Modelle" propagiert.

Urs Enggist
Beiträge: 673
Registriert: So 26. Jun 2005, 20:00
Wohnort: Auenstein

Nurses

Beitrag von Urs Enggist » Di 4. Nov 2008, 07:33

Nein, ich bin nicht ein Nurse-Schmäher...im Gegenteil.

Ich meine, sogar unsere Verbände müssten sich überlegen, eine Umfrage zu machen...

Wie viele Patienten pro Tag/Woche können einer Nurse übergeben werden?

Meine Persiflage oben...ist mehr als Ernst gemeint....nur ohne Persiflage gar nie eine Antwort, am allerwenigsten von den Verbands-CEO's!

Gesperrt