Notfalldienst nachts, eine Sache des Spitals?

Artikel der Zeitschrift "Primary and Hospital Care" können nun direkt dort diskutiert werden.

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markus.gnaedinger
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Notfalldienst nachts, eine Sache des Spitals?

Beitrag von markus.gnaedinger » Di 12. Jan 2010, 11:22

Im letzten Sommer haben wir vom Notfallkreis Rorschach eine Studie in PrimaryCare veröffentlicht. Der Titel war:

"Nächtliche Abdeckung des hausärztlichen Notfalldienstes durch das Akutspital"

Im Archiv von PrimaryCare sind die Arbeiten hinterlegt unter:

http://www.primary-care.ch/pdf_d/2009/2009-12/2009-12-187.PDF
http://www.primary-care.ch/pdf_d/2009/2009-13/2009-13-188.PDF

Da ich eine Reaktion eines Kollegen erhalten habe, möchte ich Ihnen diese hier zeigen, auch wenn er trotz Empfehlung meinerseits keinen Leserbrief schreiben wollte:

Mit Interesse habe ich in der aktuellen PrimaryCare euren Artikel gelesen. Die Aussagen decken sich im Wesentlichen mit den Erfahrungen, die auch wir bei uns gemacht haben:

Im (deutsch-)freiburgischen Sensebzirk - Bevölkerung ca. 35'000, ländlicher Bezirk mit einer Ausdehung ca 12x45 km!, vom Mittelland bis in die Voralpen reichend (500- 1200 m), Grundversorger ähnlich wie bei euch, Spital Tafers geografisch in der Mitte des Bezirks – haben wir seit 1.1.2007 die Notfallnummer der Notfallärzte des Bezirks, die wir schon zuvor vom Spital aus „technisch verwaltet hatten“ von 20.00 bis 08.00 h auf die Dienstnummer des Notfallassistenten geschaltet. Tagsüber machen die Hausärzte während 7 Tagen von ihren Praxen aus Dienst. Zusätzlich wurden der bisher auf 2 Notfallkreise aufgeteilte Bezirk in einen einzigen umgewandelt und die Ambulanzdienste mit einbezogen.

Zuvor habe ich längere Zeit mit Jürg Beer, den ich ja auch von Bern her kenne, über „Sein“ Badener-Modell diskutiert und bin wie ihr, zur Erkenntnis gekommen, dass diese Modell sich vielmehr für eine Agglomeration denn für eine ländliche Struktur eignet. Aus dieser Erkenntnis heraus ich habe zusammen mit den Hausärzten dieses auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Modell eingeführt. Voraussetzung dafür war das gute Vetrauensverhältnis, das wir in den Jahren zuvor zwischen uns Spitalärzten und den in der Praxis tätigen Kollegen aufgebaut haben – und das für mich der entscheidende Schlüssel zum Erfolg ist!

Den initialen Befürchtungen (zu wenig Kompetenz der Assistenzärzte, Belastung der Assistentärzte usw.) sind wir von Anfang an argumentativ entgegengetreten: Die Erfahrungen haben uns dann auch Recht gegeben!
Zur Sicherheit haben wir im 1. Jahr sämtliche Telefonate durch die Assistenz-Dienstärzte handschriftlich protokollieren lassen (während des Telefonanrufs), was uns in drei kritischen Fällen eindeutig geholfen hat, Unklarheiten, Missverständnisse und Vermuitungen aus dem Weg zu räumen. Die schriftlichen Protokolle sind ab 1.1.08 ersetzt durch die digitale Registrierung sämtlicher Telefonate inkl. zeitliche Parameter (Kosten ca. 1'200 Fr. durch Swisscom).

  • Bilanz: Telefonate, Benötigung der zu Hause präsenten Dienst-Hausärzte usw.: zahlenmässig praktisch identisch mit euren Zahlen!
  • Zufriedenheit der Hausärzte: sehr gut, das System wird gerade von einigen zu Beginn sehr skeptischen Hausärzten (die in den Randgebieten unseres geografisch/topografisch nicht ganz idealen Bezirks wohnen) sehr gelobt, die Lebensqualität hat für sie markant zugenommen. Einige Kollegen, die aus Altersgründen nicht mehr hätten Dienst machen müssen, haben sich bereit erklärt, aus Solidarität mit den jungen KollegInnen weiterhin in z.T. reduzierten Pensen Dienst zu tun!
  • Politisch: wir haben das Projekt Ende 06 der kantonalen Gesundheitsdirektion vorgestellt: diese war initial nicht sehr begeistert (Problem Zusammenarbeit öffentliches Spital – privat tätige Ärzte ! – wer ist verantwortlich? usw. usw.), war aber mit einem Pilotptojekt einverstanden, zumal der Notfalldienst sonst nicht mehr hätte garantiert werden können…
…..heute präsentiert die gleiche Direktion (aber eine andere Regierungsrätin) das gleiche Projekt in andern Bezirken und über die Sprachgrenzen hinaus als beispielhaftes Modell (Sensler-Modell / model singinois)…

Soweit meine kurzen Kommentare - Ich wünsche dir und deinen Kollegen weiterhin viel Erfolg und die Kraft, aus eigener Initiative heraus Lösungen zu suchen – meistens finden sich auch welche.

Dr. med. Raphael Kessler
Spezialarzt Innere Medizin FMH
Chefarzt Medizinische Abteilung
freiburger spital - Tafers
CH 1712 Tafers

markus.gnaedinger
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Engadin zieht nach!

Beitrag von markus.gnaedinger » Di 12. Jan 2010, 11:32

Hier noch eine zweite Reaktion:

Herzliche Gratulation zu Ihrem sehr interessanten Artikel im Primary Care 2009;9:Nr.12.

Ich gelange an Sie, um rasch (erste Sitzung am 10.08.2009) weitere Informationen zum Thema zu erhalten. Vor wenigen Wochen wurde ich zum Präsidenten einer Kommission des St. Moritzer Aerztevereins bestimmt, welche den Notfalldienst in unserer Region neu organisieren soll. Unsere Nachbarregion (in unmittelbarer Nähe des Regionalspitals Samedan) hat die nächtliche Abdeckung des hausärztlichen Notfalldienstes am Wochenende jeweils von 20-8 Uhr seit einem halben Jahr eingeführt und uns ähnlich positiv wie in Ihrem Artikel berichtet.

fmarty
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Beitrag von fmarty » Mi 13. Jan 2010, 09:36

Lieber Markus

Sehr schön! Ich denke, dass, bei vielen Diensten, die Ruhe in der Nacht ganz essentiel ist, V.a. für ältere Kollegen.

Ich bin, was die Entwicklung wie Badener Modell betrifft, immer noch skeptisch. Ideal aus meiner Sicht wäre, wenn wir als Primärversorger NFD uns soweit entwickeln, dass wir mit Notfall-Posten einen 24. Std Dienst gewährleisten können.
Für die Nachtzeit könnte man ein Callcenter zwischenschalten und den diensthabenden Dokter (in der Nacht dann für ein grosses NFD-Gebiet) erst wecken wenn man die Expertise braucht.

Es gäbe da viel konzeptionelle Arbeit - aber die Strukturen sind immer noch so, dass nicht wirklich Interesse besteht von Seiten Hausärzte diese Challenge auch anzunehmen.

Wäre interessant zu wissen, wie die Entwicklung in Sache NF bei Medix läuft. Die sind vermutlich strukturell am weitesten fortgeschritten.

Viele Grüsse und schönen Tag.

Franz

Hugi
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Hausarztmedizin geht "Baden"!

Beitrag von Hugi » Do 21. Jan 2010, 13:48

Liebe Kollegen,
zukünftig wird die nächtliche Abdeckung des Nofallbedarfes der Bevölkerung durch die Hausärzt m.E. nur noch partiell (unter der Woche) und kleinräumig (über 2-3 Dörfer oder Stadtquartierte) möglich sein. Dafür sind vielfältige Veränderungen in der Demographie und der Mentalität von Ärzten und Patienten verantwortlich. Das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen….
Bezüglich der Nachtabdeckung unterscheiden sich die Modelle im Sensebezirk und in Baden in keiner Art und Weise. In beiden Fällen wir der Nachtdienst an die Spitalärzte delegiert und nur ein Hintergrunddienst der Hausärzte aufrechterhalten.
Ich persönlich stehe voll hinter Lösungen, wie sie im Sensebezirk oder in der Bodenseeregion getroffen wurden. Für die Zukunft der Hausärzteschaft als katastrophal werden sich Lösungen wie das „Badener Modell“ erweisen!

Ich bin einverstanden damit, dass die Hausärzteschaft im Notfallbereich mit den Spitalnotfallstationen kooperieren muss. Dabei müssen wir aber unsere fachliche und finanzielle Unabhängigkeit unbedingt bewahren!
Man kann nicht ungestraft die Bereiche Primär- und Sekundärversorgung in der Notfallmedizin einfach zusammenlegen wie das zuerst in Baden und mittlerweilen an vielen Spitälern landauf und landab gemacht wird. Unser gut besuchter Workshop am WONCA Kongress (zusammen mit holländischen Kollegen) hat gezeigt, dass unser Kooperationsmodell Baden sich von Modellen im umliegenden Ausland in einem wesentlichen Punkt unterscheidet: die in den Notfallpraxen im Ausland arbeitenden Hausärzte arbeiten unabhängig vom Spital, werden nicht vom Spital bezahlt und für Patient und Arzt ist klar, dass die Betreuung in der Notfallpraxis am Spital nach den Standards der Hausarztmedizin erfolgt. Erst durch eine Überweisung an die Spitalnotfallstation wechselt der Patient in die Sekundärversorgung.
Wer glaubt, dass diese unsichtbare Trennlinie zwischen Primär- und Sekundärversorgung irrelevant und verzichtbar ist, den werden die bereits absehbaren Entwicklungen der kommenden Jahre eines Besseren belehren. Das Anspruchsverhalten der Patient, unterstützt durch eine nach abstrakten Kriterien urteilende Jurisprudenz werden die Hausarztmedizin an den Notfallstationen pervertieren und massive Rückkoppelungseffekte auf unserer hausärztliche Alltagstätigkeit haben. Nicht wir werden die Notfalltriage am Spital beeinflussen sondern der Anspruch des Sekundärversorgers Spital wird unsere Arbeit bis hinein in unseren Praxisalltag in absehbarer Zeit verändern. Auf Wunsch bin ich gerne bereit, die absehbaren Auswirkungen auf unseren spezifischen, haus-ärztlichen Approach und die Kostenentwicklung ausführlicher darzulegen. Ich habe bereits in meinen Artikel im PrimaryCare eindringlich darauf hingewiesen (http://www.primary-care.ch/pdf_d/2008/2008-11/2008-11-191.PDF)

Die Wahrung der Unabhängigkeit bedingt, dass wir Hausärzte bereit sind, unternehmerisches Risiko zu tragen und eigenverantwortlich an den Spitälern unsere Hausarztmedizin mit ihrer unschlagbaren Produktivität und Kosteneffizienz umzusetzen. Wenn uns das nicht gelingt, dann sehe ich auch in diesem Bereich schwarz für die Zukunft unserer Zunft.

Walter Hugentobler

Lüthi
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Beitrag von Lüthi » Do 21. Jan 2010, 16:33

Die Spitäler beginnen zu entdecken, was für Vorteile eine am Spital affilierte Grundversorgerpraxis/Notfallpraxis bietet: Patientenaquisition und Positionierung im Wetttbewerb unter Kliniken mit dem Stichwort der Versorgungssicherheit.
zwei ganz aktuelle Beispiele:

Inserat heutige SAeZ: Spital Solothurn sucht Spitalfachärztin/-arzt (FMH Allgemeinmedizin/Innere Medizin) "... in Eigenverantwortung behandeln Sie zusammen mit MPA's NotfallpatientInnen, die Behandlungen finden ... in der Hausarztpraxis, welche der Notfallstation angeschlossen ist, statt. ..."

oder Website der Spitäler fmi AG, Interlaken (weitere Beispiele zwangslos zu finden:

Was auch immer passiert, das Alpine Notfallzentrum Interlaken steht Ihnen jederzeit offen: rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Ob Sie plötzlich schwer krank werden oder sich ernstlich verletzt haben, unsere Notfallspezialisten und moderne Technik bürgen für eine rasche, professionelle Behandlung und Pflege. Was auch immer passiert, wir sind für Sie da!


Damit treten "Mitbewerber" mit ganz ungleich längeren Spiessen (und anderen Tarifen) auf den Plan.

Ich denke schon eine Weile: Der Zug ist abgefahren (und viele Grundversorger helfen gar noch eifrig mit anschieben).

hjnueesch

Beitrag von hjnueesch » Sa 30. Jan 2010, 15:36

Nachfrage an die Kolleg/inn/en aus dem Notfallbezirk Rorschach und Sense: im Kanton Zürich ist durch die Standesordnung, Statuten und Rahmenvorschriften der Kantonalen Ärztegesellschaft ein gewohnheitsmässiges Abtreten der Notfalldienstpflicht unzulässig. Wie habt Ihr das gelöst?
Hansjakob Nüesch, Seuzach

markus.gnaedinger
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Wo kein Kläger ist...

Beitrag von markus.gnaedinger » Sa 30. Jan 2010, 16:04

Lieber Kollege Nüesch

Bisher hat sich bei uns in Rorschach noch niemand über unsere "bessere Nachtruhe" aufgeregt, und somit ist auch keine Klage eingegangen (ich als Präsident der kant. Standeskommission hätte diese nämlich entgegennehmen müssen...). Somit, wo weder Klage noch Kläger vorhanden sind, gibt es zumindest vorderhand auch kein Problem.

Zudem: Wir geben ja nicht den Notfalldienst in fremde Hände, sondern nur das Notfalltelefon und bleiben - nach Vortriage durch das Spital - ja weiter einsatzbereit für den Notfalldienst.

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