Nicht-mehr-dementi

Standespolitik, Tarif, Notfalldienst / Politiques professionelles, tarifs, services d’urgences

Moderator: Eva Kaiser

Schilling Gerhard
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Schilling Gerhard » Mi 9. Okt 2013, 09:23

Lieber Kollege

Es ist wirklich heikel, ohne fundierte Kenntnisse solche Behauptungen in die Luft zu setzen!

Ein kleines Teilergebnis ist nämlich auch, dass in Zukunft bei den Tarifpartnern keine Einstimmigkeit mehr herrschen muss wie bisher, sondern neu Mehrheitsentscheide gelten, sas allein kann also in Zukunft nicht mehr blockieren.

Wir müssen wirklich versuchen, konstruktiv zu sein, nach konkreten Lösungen (!) zu suchen und nicht einfach motzen...

Dass wir Hausärzte hier wirklich viel erreicht haben, zeigen auch die vielen positiven Kommentare in den führenden Zeitungen (siehe auch Primary Care Nr.19).

Nun bin ich aber still und werde mich nicht weiter äussern.

funk
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von funk » Mi 9. Okt 2013, 09:46

Lieber Herr Kollege,

das ist ja dann wirklich ein Erfolg.
War mir so nicht bekannt.
Hätte ich mich besser informieren müssen.

Danke für die Info.
Ich wollte auch nciht motzen, sondern lediglich meine Sorge betreffend Versprechungen der Politik und dem Glauben an innerärztliche Gerechtigkeit Ausdruck geben.

Aber vielleicht sollten wir hier wirklich das Thema beenden und mal die Resultate abwarten.
Viele Grüße

Stefan Funk

Lüscher
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Lüscher » Sa 19. Okt 2013, 21:49

Zugegeben, wir haben schon manchen Schrott aus dem Ausland importiert oder nachgemacht, deshalb kann ich den Pessimismus der Kollegen, welche die deutschen Verhältnisse kennen, gut nachvollziehen.

Die Politisierung der Hausärzte-Basis durch Demo, Initiative und Abstimmungskampf werden die Politiker jedoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir sind zwar nicht so finanzstark wie economiesuisse oder der Gewerbeverband, aber wir sind, wie figura zeigt, durchaus in der Lage uns zu wehren - das war vor 10 Jahren weder uns selber noch unseren Lieblingsfeinden im BAG klär.

Es sind auch scheinbare Details, die mich zuversichtlich stimmen; in der neuen tarmedsuisse wird Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheide abgelöst, tarifsuisse/santésuisse kann somit nicht mehr im Alleingang einfach alles blockieren. Auch in den Kantonen (die sind ja durch Initiative und Gegenentwurf zumindest tangiert) gibt es überdeutliche Signale, dass die Regierungen und Parlamente Hausärzte und Grundversorgung wirklich stärken wollen - denken wir an die Praxisassistenzprogramme und an die Ordinariate an den Universitäten, auch das alles war vor 10 Jahren ziemlich utopisch.

Wo ich um die skeptischen Voten froh bin ist bei den Gefahren, die sie benennen; tatsächlich dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen durch irgendwelche Machiavellis. Je geschlossener wir als Hausärzte in der FMH auftreten, desto weniger werden unsere Spezialistenkollegen versucht sein sich auf Zweikämpfe mit uns einzulassen; und je geschlossener die Aerzteschaft auftritt, desto mehr Gewicht hat sie bei Verhandlungen, wo es um money money geht.

Urs Enggist
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Urs Enggist » So 20. Okt 2013, 10:26

Mich nimmt eigentlich mehr "Wunder": Wie BR Berset die kostenneutrale Umsetzung Spezialisten weniger Hausärzte mehr umsetzen kann/wird/befiehlt....dort sehe ich am meisten ???

...wäre ein eigenes Thema...

Schilling Gerhard
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Schilling Gerhard » So 20. Okt 2013, 12:42

...das ist nun wirklich nicht unser Problem, das muss tatsächlich BR. Berset lösen. Seine extra eingestellten diversen Tarifexperten sind eifrig am rechnen.

Im übrigen weiss man natürlich exakt, wieviele Katarakt-Operationen und wieviele CT - um nur 2 Beispiele zu nennen - in der Schweiz jährlich durchgeführt werden und welches Honorarvolumen frei würde, wenn man deren Tarifierung um den Faktor x reduzieren würde: ein hübsches Sümmchen...

Lüscher
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Lüscher » So 20. Okt 2013, 16:17

Stand im Primary Care: Ein Zuschlag auf eine Grundposition, z.B. "letzte 5 Minuten", den nur Haus- und Kinderärzte anwenden dürfen. Könnte grundsätzlich funktionieren, sofern der Zuschalg in CHF und nicht in Taxpunkten erfolgt (wegen der zwingend folgenden Anpassung des Taxpunktwertes gegen unten, damit bei grösserer Leistungsmenge die Koneu eingehalten wird).

Ich teile übrigens die Bedenken der FMH-Spitze nicht, dass das keine sachgerechte Lösung sei - wenn ich andere Verzerrungen des Tarmed anschaue (v.a. hinterlegte Produktionszeiten, die nie und nimmer dem heutigen Stand der Technik und Praxis entsprechen, vgl. als Paradebeispiele die von G. Schilling oben erwähnten Katops und CT!!!), die ja mitunter auch zum aktuellen Problem geführt haben, ist das geradezu eine Ideallösung ...

:D Vielleicht liest ja das BAG mit :D

Schilling Gerhard
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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Schilling Gerhard » So 20. Okt 2013, 17:07

Kleine ergänzende Erklärung: wir haben immer (!) darauf bestanden, dass die zugesagten 200 Mio Franken dauerhaft, zusätzlich und vollständig den Haus- und Kinderärzten zugute kommen müssen. Das war eines der Killerkriterien. Das bedeutet, dass diese 200 Mio immer separat ausserhalb der Rechnung geführt werden müssen, auch bei Kostenneutralitätsrechungen innerhalb der Grundversorger und dann vor allem auch bei der Gesamtrevision des Tarmeds.

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Lüscher » So 20. Okt 2013, 17:27

Fazit: Bei aller berechtigten Skepsis gibt es doch gute Gründe anzunehmen, dass wir nicht auf dem Weg in den gleichen Schlamassel sind, wie unsere Kollegen in Deutschland schon bis über den Scheitel drinstecken (ich empfinde übrigens nicht die geringste Schadenfreude!).

Wenn es gelingt, haben wir das v.a. unseren KollegInnen zu verdanken, die ihre ganze Freizeit, einen Gutteil ihrer Nächte und ihre halbe Praxis geopfert haben, um für dieses Resultat zu kämpfen und an einer praktikablen Lösung zu bauen. Als durchaus interessierter Zeitgenosse meine ich, dass es genau diese KollegInnen sind, die am besten beurteilen können, ob die Ziele unserer Initiative besser mit einem Rückzug oder mit einer Volksabstimmung gegen einen Gegenvorschlag erreicht werden können.

DANKE EUCH ALLEN!

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von cbernasconi » Do 24. Okt 2013, 22:29

Wie gerne würde ich nur euren Optimismus teilen! Allerdings werde ich schon gegen 2026 in Pension gehen.... Und bis dahin... Naja, ich bin vielleicht ein grosser Pessimist; oder doch nur nüchterner Realist?

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Lüscher » Fr 25. Okt 2013, 08:29

Ich mache auch nur noch bis 2028 (oder bis 2030, AHV wird es ja dann sicher nicht mehr mit 65 geben ...)

Bernasconi, was sind denn Ihre (umsetzbaren ...) Handlungsalternativen?

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von funk » Fr 25. Okt 2013, 09:08

was sind denn Ihre (umsetzbaren ...) Handlungsalternativen?

guter Punkt....sehr guter sogar.
Es stellt sich ja immer die Frage nach den Alternativen.
Nur NEIN brüllen hilft ja nicht weiter.
Insofern bleibt nur die Hoffnung (die ja zuletzt stirbt), dass die Kollegen und die Politik fundamental anders funktionieren als in D.
Sonst wird uns allen hier das gleiche divide et impera wie in D blühen.
Pauschalen, Leistungsabsenkungen und zum guten Schluss der Ausverkauf unserer Praxen mit dem Flatrate-Doc für 50 Fr. pro Quartal unter Wegfall der Selbstdispensation.

Unmöglich ? Nein - jederzeit machbar - siehe Deutschland

Aber wie schon gesagt, erst mal eine Alternative finden, die umsetzbar ist......gar nicht so einfach.
Viele Grüße

Stefan Funk

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von cbernasconi » Mo 28. Okt 2013, 09:56

Wir hätten schon vor Jahren schweizweit einen Pikettstreik während einem Wochenende durchführen müssen, statt der folkloristischen 1.April-Farce.
Das habe ich schon vor Jahren gesagt. Die Nottfallaufnahmen in der ganzen Schweiz wären aus allen Nähten geplatzt und schon mit einem einzigen Wochenende wären die Kosten explodiert.
Denn die Politiker kennen nur die Sprache des Geldes; alles Andere ist Schöntuerei.
Haben wir übrigens an die Öffentlichkeit gebracht, dass die Senkung des Laborpunktes zu einem grossen Stellenabbau geführt hat? Nur in Biasca gingen insgesamt 4 Ganzzeitstellen verloren...von einem Tag auf den anderen...
Aber wie immer haben wir brav geschwiegen...

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von Lüscher » Mo 28. Okt 2013, 10:20

Schön und gut. Sie wissen ganz genau, dass wir diesen Pikettstreik nie durchgebracht hätten, und zwar wegen unserer heterogenen Basis und nicht wegen der Funktionäre und Kader.

Ad Stellenabbau: Wäre tatsächlich eine Randnotiz wert. In unserer Region sehe ich ganz was anderes - es hat sich trotz lautem Heulen und Zähneklappern eigentlich gar nichts verändert in Bezug auf die Praxislaboratorien. D.h. wir bieten die Präsenzdiagnostik auch zu einem geringeren Deckungsbeitrag weiter an, als ob nichts gewesen wäre. Wenn da Stellen abgebaut wurden wohl eher, weil man mit modernen Geräten effizienter arbeiten kann als in der Ära, als der Quick noch von Hand gehäkelt und die Blutzellen noch unter dem Mikroskop gezählt wurden.

Also, ich warte weiterhin auf PRAKTIKABLE Alternativen. Praktikabel heisst nicht nur, dass man sich etwas ausdenkt, was Sinn machen, weh tun oder die Oeffentlichkeit aufrütteln könnte, sondern auch innerhalb der Hausärzteschaft akzeptiert und mit >90% Beteiligung durchgezogen werden kann. Das ist das Problem, und nicht dass unsere Repräsentanten fantasielos wären!

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Re: Nicht-mehr-dementi

Beitrag von funk » Mo 28. Okt 2013, 10:47

Leider muss ich Ihnen zustimmen.

Die fehlende Einigkeit - ist eines der Kernprobleme.
Ein Pikettstreik hätte ja auch so aussehen können:

Die zuständige Ärztegesellschaft (bei uns der Stadtärzteverein St. Gallen) erstellt nach Ankündigung nach dem Ablauf des aktuellen Dienstplanes einfach keinen neuen Dienstplan.

Somit wäre kein Kollege zum Dienst eingeteilt worden und dann eben auch keiner erschienen.

Völlig unrealistisch ? Mag sein, aber wurde das jemals versucht.

Würden die Kollegen, die nicht zum Dienst eingeteilt wurden diesen dann selbst organisieren ?

Was wenn der Stadtärzteverein einen Dienstplan (für den Fall, dass Forderungen erfüllt werden) eben erstellt, aber diesen nicht veröffentlicht ?

Am Tag X wäre auf der Notfallnummer ein Band zu hören: Im Notfall wenden Sie sich bitte an die 144 oder das nächste Spital.
Am Tag X+1 gäbe es Verhandlungen und am Tag X+2 wäre der Dienstplan veröffentlicht und in Kraft und alles wäre wieder wie früher.

Lediglich der Taxpunktwert wäre von 0,82 auf 1,15 gestiegen.

Unmöglich ? Vielleicht, aber wurde das mal versucht ?

Das sind aber schon die ganz harten Bandagen. mit denen da aufgefahren wird.
Allerdings hätte das den Vorteil, dass gar keine schweizweite Einigkeit herrschen muss. Ein lokaler "Streik" würde genügen. Er hätte einen Flächenbrand zur Folge.
Das könnte als letztes Mittel - und nur als solches dann vielleicht doch funktionieren.

Es gäbe ja auch noch abgeschwächte Formen.
z.B.: nur der Spitaldienst entfällt. Hausbesuche werden weiter gemacht - oder umgekehrt.

Pikettstreik ist aber eine extreme Massnahme finde ich, die nicht leichtfertig eingesetzt werden kann und darf.
Viele Grüße

Stefan Funk

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